Einer geht noch

Der letzte Gin Tonic wars, den man sich hätte sparen müssen? Falsch. In Wahrheit ist immer, immer der dritte Drink schuld. Er bestimmt den Verlauf des Abends

erschienen auf jetzt.de

Zwei Drinks braucht man, um herauszufinden, ob der Trinker in einem heute überhaupt in Form ist. Es gibt ja Tage, an denen gar kein Drink anschlagen will, der erste nicht, der zweite nicht – na gut, weiß man dann, nun wird auch der dritte nicht knallen. Jedenfalls nicht auf gute Weise. Man geht nach Hause und guckt einen Film oder legt sich schlafen.
Zwei Drinks sind es auf der anderen Seite auch, die man höchstens darf, wenn der innere Trinker sehr gut in Form ist, seine wilden Gelüste aber dringend im Zaum halten sollte. Etwa weil am nächsten Tag was Wichtiges ansteht oder er Medikamente nehmen muss.

Und so ist es eigentlich immer der dritte Drink, der den Trumpf des Abends bestimmt. Sitzt man in fröhlicher Runde und hat schon zwei weg, ist es der dritte Drink der, der nie „Na gut, ich nehm noch einen, und dann ist Schluss!“ heißt, sondern: „Na klar, nehm ich noch einen, jetzt erst recht!“. Stellt man sich den Abend als Schaukelprozess vor, ist man bei dem dritten Drink schon mit Wumms in der Luft. Abspringen, so was macht jetzt kein gesunder Mensch mehr: Die Sache läuft doch, das Gerüst wackelt noch nicht und nichts trübt die Illusion, man könnte fliegen. Alles glitzert, die Augen der anderen, das Kondenswasser am Glas, die Beleuchtung der Bar. Und könnte man sich von innen angucken, würde auch da alles glitzern, im Bauch britzeln die Endorphine wie Brausepulver und Wunderkerzen.

Nie lebt man das so dringend erstrebte Credo des „Genieße den Moment!“ so mühelos wie jetzt. Jeder Anlass, den Kopf vor Lachen in den Nacken zu werfen, ist so willkommen wie das Springen vom Dreimeterbrett im Freibad als Kind - hauptsache mit viel Karacho, hauptsache immer weiter und immer höher und noch 'ne Arschbombe obendrauf. Man ist in diesen Momenten um den dritten Drink herum permanent verliebt. In den Nebensitzer, ins Gegenüber, in sich selbst, sogar in den ganzen Scheiß des eigenen Lebens, denn was macht der schon, wenn es Momente wie diese gibt? Das Hirn ist jetzt schon viel zu beduselt, die Schönheit des Moments kaputt zu relativieren, oder sich zu ärgern, dass man der Disziplinlosigkeit anheim gefallen ist. Nein, nein, im Gegenteil, ruft einem plötzlich eine Stimme aus dem eigenen Britzelbauch zu: Für was, wenn nicht für die Disziplinlosigkeit lohnt es sich denn überhaupt zu leben?! Man lebt nur einmal, das letzte Hemd hat keine Taschen, haha! Morgen wird’s vielleicht alles scheiße, aber dafür wird heute noch so richtig geil, und ist es nicht das, worauf es ankommt? Weiter, weiter, immer weiter!

Der dritte Drink, der ist wie die Sekunde, in der der Orgasmus einsetzt, wie mittendrin im riesigen Teller Spaghetti mit Parmesan und Basilikum, wie kurz, bevor der Schlaf einen holt – das Denken hört auf und übrig ist nur Glück und Körperrauschen. Es ist ein Schwelgen im: So, wie es jetzt ist, so könnte es immer bleiben, wahrscheinlich wird’s gleich sogar noch ein bisschen besser, aber besser als jetzt wird’s eigentlich doch nicht, denn es geht noch nach oben und was ist besser, als auf dem Weg nach oben zu sein und den Abgrund noch nicht zu sehen? Furcht vor dem Abgrund kann schließlich nur der haben, der ihn schon sieht. Und jetzt sieht man gar nix, keine Zeit, alles oben, alles gut, viel zu schön, don’t stop it!

Natürlich kommt der Sturz doch viel zu schnell und viel zu heftig. Den Rauschpegel des dritten Drinks die ganze Nacht aufrecht zu erhalten, funktioniert nie. Entweder man dosiert unter und rutscht in die Nüchternheit und damit in eine gewisse Langweile zurück, oder man dosiert über und der Boden beginnt sich zu drehen. Im Bett muss man dann das Bein auf den Boden stellen, oder, wenn auch das nichts hilft, den Gang zur Kloschüssel antreten. Da rinnt es dann dahin, das vergammelte und vergorene und verlogene Glück und verschwitzt sinkt man auf dem Boden und kühlt die Wange am Badewannenrand und weiß: Ach, ist ja eigentlich alles wieder nur Betrug gewesen und morgen früh schäme ich mich für den ganzen Überschwang, mit dem ich den Leuten einen angelabert habe.

Am nächsten Morgen tritt diese Scham dann auch zuverlässig ein und unter der Dusche krächzt man die bekannten Verdrängungsmantren. Ist das innere Sausen danach immer noch nicht weg (ist es nie!) hängt man den Kopf aus dem Fenster und schwört: Nie wieder Alkohol.

Ha!, durchzuckt einen plötzlich eine Erkenntnis: Der letzte Wodka Tonic war schuld. Natürlich! Wo kam der eigentlich her? Den wollte man doch gar nicht, man war ja vorher schon kurz auf der Toilette und hat gemerkt, wie schnell die Erde sich dreht. Jetzt lieber gleich ein Glas Wasser bestellen, sagte man sich. Auf dem Weg zurück an die Bar muss man das nur irgendwie wieder vergessen haben. Da standen nämlich der lustige Julius und die schöne Luise und sagten im Chor: „Ey, wo isn dein Drinkkkk?“ Und der wurde dann natürlich geordert, war ja nicht mehr da, musste ja wieder her. Wodka Tonic, wie immer, haha, kein Problem, das letzte Hemd hat keine Taschen! Der war’s, der Arsch. Also, wie lautet der Vorsatz? Nächstes Mal einfach weglassen, den letzten Drink, kein Problem.

Aber natürlich ist das ein fataler Trugschluss. Das letzte Glas kann rein gar nichts dafür, dass es zufällig als letztes an der Reihe war. Nein, alle Schuld hängt an Glas drei. Glas drei ist die Einstiegsdroge, der Biss in den verbotenen Apfel, der Pakt mit dem Teufel des Schnapses. Glas drei heißt nicht: Eins noch und dann mal sehen. Glas drei heißt: Los jetzt! Auch schon wurscht!

Man soll das Trinken nicht loben. Alkohol ist schlimm. Gerechterweise bezahlt man diese Lehre mit dem Kater, jedes Mal. Aber man muss auch sagen: Leider ist der das manchmal wert. Selten fühlt man sich zuverlässig leichter und präsenter und jetziger, als vom Rausch des dritten Glases getragen. Alle paar Wochen einen Pakt mit dem dritten Glas einzugehen, das hat auch etwas sehr Reinigendes. Die Erschöpfung am Abend des Katertages, die fühlt sich an wie die Erschöpfung nach Sauna und Sport zusammen. Und wenn der Schmerz dann endlich, endlich nachlässt und das Gift raus ist – das ist ein bisschen wie neu geboren werden.