Nacht im Park

Stadtparks sollte man bei Nacht meiden? Im Gegenteil. Ein Rundgang im Englischen Garten

erschienen in der SZ

Ist doch so: Muss man nachts irgendwohin und dann ist da ein Park im Weg, geht oder fährt man lieber außenrum. Ärgert sich über den Umweg, freut sich dafür aber umso mehr übers Am-Leben-Sein. Nächtliche Parks verheißen nichts Gutes, im Gegenteil, füttert man das Hirn mit den Schlagworten Nacht + Park, spuckt es lauter miese Schlagzeilen aus: Joggerin vergewaltigt, Hundebesitzer entführt, Mädchen verschwunden, Mann tot auf Bank gefunden, Radlfahrer enthauptet – irgendwie sowas. Hat mit dem Park an sich natürlich weniger zu tun als mit der Angst. Und die ist ja bekanntlich selten ein guter Berater. Die Nacht im Park, das ist was Wunderschönes. Um das zu ahnen, muss man mal zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens dran entlang radeln und sich vom kühlen Dunst den Arm streifen lassen, das leise Knacksen hören, das stille Rauschen, die Abwesenheit all jener, die im Hellen noch da waren und zu viele. Und dann steigt man am besten mal ab und geht rein. Haben wir jedenfalls mal so gemacht.

Halb zwölf. Okay, hier, im südlichen Englischen Garten, Einstieg Milchhäusl, Höhe Schwabinger Bach, Monoptorus hinten im Mondschein liegend, ist von Ruhe jetzt noch keine Spur. Im Gegenteil. Flaschen klimpern, Schreie gellen. Es war ein heißer Sommertag, die Ferien haben vor Kurzem erst begonnen. Vor sieben Stunden sah man hier noch mehr Haut als Gras. Jetzt sieht man keine Haut mehr, dafür Umrisse von Müllhaufen auf dem Boden, und vor allem hört man diejenigen, die übrig geblieben sind vom Tag und den Kasten Helles noch austrinken. Sie rufen sich im Dunkeln und ihre Schreie klingen seltsam, so gesichtslos, wie sie bleiben. „Nikiiii“ schreit jemand, es klingt verloren, verzweifelt, hilfesuchend, man fürchtet sofort, dass da gerade jemand ertrinkt oder erstochen wird, oder von wabernden Erdwesen ins Reich der Tiefe hinabgezogen wird. Aber dann Lachen und Grölen – okay, sind nur die besoffenen Teenies, wahrscheinlich die Girls und Boys in den Neonbikinis und Badeshorts von den Wiesen rund um die Surferwelle. Die man tagsüber tropfend in der Tram stehen sieht, die nachmittags einen Kasten Helles kaufen oder zwei und dann einfach bleiben, auch wenn die Sonne längst untergegangen ist. Aber es sind nicht nur die, natürlich. Es sind alle möglichen Menschen. Woher soll man es schon so genau wissen, wenn man sie nicht sehen kann?

Immer wieder sieht man hingegen Smartphonelichter, wie Glühwürmchen schweben sie auf Bauchnabelhöhe in der Luft. Einige leuchten ein Gesicht an, andere sind auf den Boden gerichtet als Suchscheinwerfer. Ein verlorenes Kettchen, zwanzig Euro, Pfandflaschen, der eingepennte Freund?

Unterhalb des Monopterus lodern Fackeln, ein paar Menschen haben Tische hergetragen und feiern etwas. Eine schlossgartenähnliche Dinnerparty, so sieht das aus, nur dass da wahrscheinlich keine Dukes dran sitzen, sondern welche, die in ihren winzigen Stadtwohnungen kaum Platz für einen Esstisch haben und sich deshalb den Park leihen, denn der ist endlos und für alle da. Angenehm übrigens: Von Reiterpatrouillen mit kruden Münchner Polizei-Vorschriften ist nichts zu sehen.

Es wird langsam feuchtkühl entlang des Schwabinger Baches und das ist jetzt so ein Beam-Gefühl, das einen zurückversetzt in diese Sommer, in denen man noch nicht mal 16 war und immer zu wenig anhatte und man immer noch ein bisschen mehr bitteres Bier aus dem kalten Flaschenhals trank, in der Hoffnung, die Klammheit möge sich dann verziehen und einer unvergesslichen Nacht den Weg freigeben.

Zwei alte Männer humpeln vorbei, Typ Theaterdirektoren, beide im Anzug. Sie murmeln unverständlich. Vielleicht sind sie direkt aus dem 18. Jahrhundert und nur nachts zu sehen und keiner weiß es.

Dann schreit wieder jemand. „Haaaalllo“. Ein Typ. Und auf der anderen Seite, ganz da hinten, zumindest klingt es so, spielt jemand das Echo. „Haallloo“. Dann Lachen. Ein Mädchen. Gehören die zusammen, suchen die sich wirklich? Vielleicht ja nicht, und dann treffen die sich in zwei Jahren ganz woanders wieder, knutschen und wissen nicht, dass ihre Stimmen sich schon mal getroffen haben, im August 2015, um Mitternacht im Englischen Garten, über 250 Meter Entfernung.

Ein anderer kommt vorbei und telefoniert. „Wo seid ihr, man, ich find’ euch nicht.“
Die Nacht im Park ist eine Suche. Konfrontation mit Orientierungslosigkeit. Vielleicht muss man gar nicht nach der Schule nach Neuseeland fahren, um sich auf die große Suche zu machen. Vielleicht reicht auch eine Nacht im Stadtpark.

Halb eins. Weitergehen Richtung Norden. Der Mond ist groß und rund und voll, es ist eine helle Nacht, und je mehr sich die Augen dran gewöhnen, desto besser sieht man. Eigentlich sieht man alles, jedenfalls gut genug, so gut, dass man die Taschenlampe irgendwann gar nicht mehr benutzen mag, weil nur ein kurzes Einschalten die natürliche Sehkraft des Auges immer wieder um mindestens 80 Stärken zurück katapultiert und einen wieder minutenlang halbblind zurücklässt.

Das ist so toll: Der riesige Himmel, der da über einem liegt, in diffusem Dunkelgrau. Und der Mond, der stetig mit einem mitläuft, und so aussieht, als sei er nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören, als habe er eine Melodie, eine schaurige, und auch schöne, samt Geisterchor. Es wird feucht. Und kühl. Das Wasser ist nah. Dann tauchen die Lichter vom Seehaus auf in der Ferne. Mädchen- und Jungsstimmen stolpern vorbei, Dirndlsilhouetten. „Der Weg hat Löcher“ ruft ein Mädchen und der Sand knirscht unter ihren Sohlen.

Dann wird es wärmer und trockener. Autos rauschen. Über die Brücke in den nördlichen Teil. Kurz stehenbleiben. Die Autolichter des Mittleren Rings. Dann runter ins Dunkel. Zwei Radler sausen vorbei, drahtige, geübte Parknachtdurchquerer mit Stirnlampe und Mountainbike. Und weg sind sie wieder. Je nördlicher, das ist ja eh die Regel des Englischen Gartens, desto ruhiger und wilder wird es. Und dunkler. Und gleichzeitig heller, denn die Augen werden ja immer besser. Trotzdem sieht man schön wenig, auf angenehme Weise, auf weiche Weise, vielleicht gar nicht weniger, nur so sehr anders, dunkelklar. Alles ist jetzt ein düsteres, dunkelgraues, dunkelblaues Leuchten. Die Umgebung bekommt eine neue Haptik. Mit immer größer werdenden Pupillen durch die Parknacht zu gehen ist wie durch einen Nebel gehen, der sich lichtet. Die Sinne teilen sich ganz neu auf, es fühlt sich an, als bestehe man aus mehreren Fühlern, nicht mehr nur aus einem, diesem normalen Ich-Fühler, der immer da ist. Der Hörsinn wächst an. Man orientiert sich empfindlich genau am Klima, wo wird es kälter, wo feuchter, wo trockener, wo wärmer, wo wird die Stadt im Hintergrund lauter, wo wird sie leiser, wo verschwindet sie ganz, wie weit bin ich schon weg?

Die Wege liegen bewegungslos da. Je länger man ohne Lampe geht, desto kleiner wird interessanterweise auch die Angst. Man sieht ja nur so-und-so-weit und kann sich, sollte jemand kommen, der Böses wollte, sofort selbst im Dunkel verstecken. Gar kein Gefühl der Schutzlosigkeit, eher ein Gefühl der Geborgenheit. Manchmal sausen Lichter an und ganz stummt rast jemand auf einem Rad vorbei. Man könnte jetzt jemanden zu Tode erschrecken. Man wird ja nicht gesehen.

Weiter. Ein Tier kreischt. Über Brücken, über denen wieder Feuchtgkeit hängt, kommt man zu einer weiten Wiese, auf der dicke alte Bäume zwischen hohen Gräsern stehen und aussehen wie ein Eichendorff-Gedicht. So ein mattgrünblauer Glow hängt da drüber. Stehen und gucken. Das wäre toll, wenn man die Luft, die hier wächst, steht, quillt, oder wie man sagen soll, abzapfen könnte. Kein Mensch zu sehen. Käme Marie Antoinette im wehenden Nachthemd hinter einem Baum hervorgerannt, hinter ihr ein Lover in Kniebundhosen, man würde sich nicht wundern. Aber niemand kommt.
Und dann, Schock, erhebt sich plötzlich ein lautes Tosen. Jubel. Klatschen. Pfeifen. Als stünde man in einem Konzertsaal. Als sei ein Rockkonzert zuende gegangen. Komplett grotesk. Da ist ja nur eine stille, weite Wiese, nichts bewegt sich, wirklich nichts. Und drüber hängt dieser Sound. Ist man jetzt verrückt geworden vor lauter Wandeln im Dunkeln? Klatschen klatschen, immernoch klatschen, so lang. Dann irgendwann kommts einem: Das Amphitheater.
Das liegt dahinten hinter der Wiese. Und nur ein paar Minuten später kommen lauter Fahrradlichter aus dem Wald über die Wege über die große Wiese gefahren. Heimfahrer. Wortfetzen fliegen vorbei. „Immer du, jetzt warte“, „Deine Bremse geht nicht gscheit“, „Halt ich brauch dein Licht“.

Ob man selbst überhaupt noch existiert? Was, wenn man sich schon aufgelöst hat? Nur noch aus Geisterperspektive zusieht? Als Stück Luft, als Grashalm, der in der Nacht steht und alles passieren sieht? So unsichtbar und dunkel und transparent fühlt man sich.

Es dauert bestimmt eine dreiviertel Stunde, bis wieder Ruhe ist. Dafür aber richtig. Jetzt auch kaum mehr Expertenradler. Keine Stirnlampen mehr. Keine roten Punkte in der Ferne. Blüten, Blumen, Gras, Sand, nach diesem dunklem Leuchten der Pflanzen im Mondlicht kann man ganz verrückt werden. An einigen Stellen macht der Mond richtige Lichtflecken. Und Schatten. Mondschatten. Oben am Himmel Wolken und Sterne und tiefes Blau mit orangefarbenem Rand. Der Dunst der Stadt. Auf einer Parkbank liegt ein Grisham-Buch und übernachtet dort. Man könnte sich übrigens problemlos ein Zelt aufbauen und hier schlafen, der Park ist riesig und dunkel und wild und wenn man morgen bei Sonnenaufgang wieder aufbricht, kriegt davon niemand etwas mit.

Halb drei und zurück am Schwabinger Bach. Auf dem ganzen Weg hierher niemanden mehr getroffen. Aber dann an der Brücke zum Ausgang Mandelstraße, Höhe Standesamt, steht wieder so ein alter Mann, der so aus der Zeit gefallen wirkt wie die beiden Theaterdirektoren von um Mitternacht. Er guckt aufs Wasser, dann geht er langsam bergauf, Richtung Straße und ist weg. Denen gehört vielleicht eigentlich die ganze Welt: Alten Männern, die keine Angst mehr haben, dass sie jemand wegraubt oder ihnen was tut und die deshalb einfach überall hingehen können, zu jeder Zeit.

Fast drei. Unterm Monopterus sind die Fackeln aus und von den Tischen und dem Dinner keine Spur mehr. Auch die Suchschreie sind verschwunden. Die Teenies sind nach Hause gegangen. Oder weitergezogen. Jetzt fängt die beste Zeit für einen Spaziergang im Englischen Garten eigentlich gerade erst an.