Schon vorbei?

Was passiert, wenn man eine Nacht durch München radelt? Unsere Autorin wollte das herausfinden. Sie hat einen der letzten warmen Tage erwischt und daran gemerkt, wie kurz der Sommer ist.

erschienen in der SZ

Kurz vor Mitternacht. In den Hinterhöfen der Maxvorstadt waren bis 22 Uhr Abendflohmärkte. Eine türkische Familie räumt in ihrer Hauseinfahrt langsam die Bleche und Teller zusammen, vor jedem zweiten Hofeingang Pappkisten, auf denen „Zu verschenken“ steht: Bücher, alte Klamotten, Werbe-Käppis, alte CD-Ständer, zerbrochene Kleiderbügel. Grüppchen von Freunden mit Helles-Flaschen in den Händen laufen die Straßen hinunter, in Sandalen und Flipflops, sie beugen sich über die Kisten, ziehen etwas heraus, lachen und lassen es doch wieder fallen.

Es ist eine dieser Sommernächte, in der die Luft ein bisschen vibriert und man sich, egal wie müde man vorhin noch war, plötzlich durchs reine Atmen angetrunken fühlt. Solche Nächte sind eigentlich keine richtigen Nächte, sie sind nachtblaue Ferientage. Es geht eine Leichtigkeit, ein frohes Glucksen durch die Straßen, das jeden ansteckt. Ein Nachtleben, das sich nicht auf Feierbananen und Wodkarutschen und Jugend beschränkt. Auch die Alten sind draußen. Alle sind draußen. Weil niemand schon nach Hause gehen möchte.

Es sind diese Nächte, in denen es passieren kann, dass man auf dem Rad einfach immer weiter fährt: immer noch eine Runde, immer noch einmal links statt rechts. Einfach den langsam auskühlenden Asphalt rauf- und runterrollen. Denn nichts ist mehr anstrengend. Ich will das geplant machen: eine ganze Nacht auf dem Fahrrad durch München.

Hinter der Alten Pinakothek, da, wo sie tagsüber oft Fußball spielen und wo jetzt irgendein Künstler Heuballen aus bunten Plastikstrohhalmen hingestellt hat, liegen und sitzen auf jedem Ballen Menschen. Man sieht nur dunkle Umrisse von Köpfen und Armen und mal ein in die Höhe ragendes Bein. Weiter hinten unter den Kastanien an der Arcisstraße flackert ein kleines Teelichter- und Kerzenmeer auf dem Boden. Drumherum sitzen Leute wie an einer Sommertafel im eigenen Garten.

Auf dem Königsplatz Überbleibsel des Open-Air-Kinos, Absperrzäune, geschlossene Crêpes-Buden, in Reihen aufgestellte Plastikstühle, auf denen aber in der Dunkelheit niemand sitzt. Nur ein einsamer Security-Mann, der aufpasst, dass keiner von den Weintrinkern auf den Stufen vor Glyptothek und Antikensammlung auf blöde Ideen kommt.

Irgendwann mal stehenbleiben an der Wittelsbacherbrücke. Zwei Mädchen in flatternden Röcken und mit nackten Füßen in Sandalen kommen über die Brücke gerannt und rufen zwei Jungs am Taxistand zu: „Ey, ihr depperten Bierlätsch’n, wartet gefälligst!“ Ein langhaariger Typ fährt auf einem Beachcruiser-Rad vorbei. „Bing Bing“ ruft er, statt zu klingeln.

Auf der anderen Seite der Isar, in der Au, weht der Chlorgeruch aus dem Schyrenbad herüber. Kalt und feucht ist die Luft hier. Fast halb zwei. Im griechischen Lokal Lucullus sind die Stühle schon hochgestellt, aber ein paar Freunde sitzen noch vor der Tür und trinken ihr Bier aus. Über die Eisenbahnbrücke kurz vorm Hans-Mielich-Platz donnert ein Zug. Ein Handwerker in einer weißen Malerlatzhose geht über den Gehweg. Meter dahinter ein altes Paar, ein Mann stützt seine gebrechlich wirkende Frau. Ganz langsam. Einen Fuß vor den anderen.

Reichenbachbrücke. Es wird wieder lebhafter. Scherben knirschen unter den Reifen, Dreck, Uringestank. Kleine Feuerstellen säumen das Isarufer. Um den Gärtnerplatz dreht ein Typ auf einem riesigen weißen Motorrad seine Runden. Und immer noch eine. Hinten drauf ein Radio. Ich weiß nicht, wo ich abbiegen soll. Also steige ich ab und gucke eine Weile über den Platz. Hier wollte ich eigentlich nicht landen. Ich bin hier nie, es ist nicht mein Viertel. Zu überlaufen. Die Leute sitzen am Gärtnerplatz in ihrem Müll herum. Es ist kurz vor drei.

Dann sprechen mich plötzlich Monaco Franze und Manni Kopfeck an. Beziehungsweise In-Echt-Versionen der beiden: „Aha, hallo, wohin des Weges? Du, wir sind ganz harmlos. Mit uns kannst du was erleben. Wir wollen einfach nur Leute kennenlernen. Das ist unser Viertel hier. Was magst du machen? Noch an Drink?“

Ich sei stocknüchtern, sage ich, und dass ich auf dem Fahrrad durch die Nacht fahre. Ein Glas Rotwein am Straßenrand würde ich schon trinken, aber dann müsse ich weiter.

„Aha, ja gut, und wo? Wir wohnen da vorn in der Klenzestraße.“

Ich erkläre noch mal, dass ich es lieber auf der Straße trinken würde.

„Bei uns kann dir nichts passieren“, sagt Manni in seiner ganzen Mannihaftigkeit. „Wir sind gute Menschen. Das hier“, er zeigt auf den mich angrinsenden Monaco, „das ist der Stenz vom Glockenbach, wirklich wahr.“ Und Monaco bietet gleich an, einen Rotwein und Gläser zu holen aus seiner Wohnung. Wir gehen die Klenzestraße runter. „Hier, das Klenze 17, das ist unsere Stammkneipe. Und hier, da gibt es den besten Kaffee der Stadt. Da treffen wir uns alle“, sagt Monaco. „Morgens, und zwar jeden Morgen, vor der Arbeit, mit fünf anderen Freunden“, sagt Manni. „Wir haben uns alle dort beim Kaffeeholen kennengelernt. Immer um sieben Uhr früh. Zusammen sein, bevor der Tag anfängt. Sich verbünden, egal, was kommt. Und wer mal nicht kommt, der wird per SMS erinnert. Seit wir das machen, geh ich morgens nicht mehr joggen oder schwimmen.“

Vor Monacos Haus bleiben wir stehen. Er schließt einen sauberen, renovierten Hauseingang auf – es sieht aus wie ein Apartmenthaus, matte, graue Oberflächen – und kommt einige Zeit später mit drei großen, dünnglasigen, klirrenden Weingläsern in der einen und einem Rotwein von 2005 in der anderen Hand wieder herunter. „Wo wollen wir denn sitzen?“ Keine Straßenecke sagt uns zu. „Ah, da schau her, im Déjà bu brennt noch Licht!“ Eine französische Weinbar, sie hat schon geschlossen. Aber Nicolas, der Besitzer, einer seiner Freunde und eine Kellnerin sitzen noch um den Holztisch am Eingang herum. Sie grinsen müde, aber herzlich, und dann sitzen wir da plötzlich, Monaco stellt die Gläser auf den Holztisch, das Licht ist warm und der Rotwein, den er aufmacht, ist schwer und trocken und geht sofort in den Kopf.

Auf einmal wird nur noch französisch geredet. Zwischendurch mal italienisch. Und englisch. Themen egal. Ich versuche ein paar Mal zu erklären, was ich hier mache, aber es verläuft sich im Sande. Das Gespräch, eher die Worte, nehmen ihre eigenen Wege. Das Mädchen neben mir, nennen wir sie Marianne, spricht auch nur französisch, obwohl sie Deutsch kann. Sie lächelt herzlich. Und so cool. Ich mag sie sofort. So vergeht eine gefühlte Stunde. Der Stenz stenzt ein bisschen von gegenüber und der Manni neben mir erklärt was und stenzt auch, auf seine gutmütige, harmlose Art. Und wir lachen.

Und dann plötzlich sagt Monaco: „Je vais au lit.“ Und Manni auch. „Oui, je vais au lit aussi.“ Und ich muss sowieso weiter.

Aber Nicolas sagt: „Komm mit ins Paradiso, da gehen wir jetzt noch hin.“ Ich protestiere. Ich säße doch schon viel zu lange mit ihnen rum. Und dass ich sie nur hinbrächte. Es ist halb vier. Vor dem Paradiso steht ein alter Mann, und als die anderen reingehen, sagt er: „Du willst ja wohl nicht gehen. Du wirst ja wohl jetzt da reingehen.“ Wir gucken einander eine Weile lang an. Irgendwie mag ich ihn, den alten Mann. „Na geht doch“, sagt er.

Nicolas steht schon hinter der Bar. Er nimmt mir meine Tasche ab und stopft sie in ein Regal. Es stehen ungewöhnlich viele Leute mit ihm hinter der Bar, auch Gäste. Sie stehen dort wie auf einer Privatparty und mixen sich einfach selbst ihre Drinks. Keinen scheint zu interessieren, wer Barkeeper ist und wer Gast. Nicolas reicht mir einen Wodka Tonic. Marianne und der andere Franzose tanzen auf den blinkenden Vierecken am Boden. Marianne geht bald nach Mexiko. Für ein paar Wochen. Sie hat jemanden kennengelernt, der sie dorthin eingeladen hat. Sie kennt ihn nicht so gut und weiß nicht, ob dieser Jemand vielleicht etwas erwartet, aber sie fährt trotzdem. „It’s this once in a lifetime thing, I think. I will go and see what happens.“ Nicolas kommt auch auf die Tanzfläche. „Ich muss bald los“, sage ich. „Mist“, sage ich auch. Es sei ja wirklich nett hier, aber ich müsse doch eigentlich Radfahren. Nicolas lehnt sich zu mir und sagt: „So ist das Leben. Ich wollte Pilot werden. Und jetzt? Jetzt bin ich Nachtlebentyp und habe eine Bar.“ Nicolas hat in Paris und Zürich gearbeitet. Irgendwann hörte er, dass München die perfekte Mischung aus Paris und Zürich sein solle. Er zog her, ohne lange zu grübeln, und eröffnete eine Bar. Er sei schon stolz, sagt er, aber manchmal habe er auch überhaupt keinen Bock mehr. „Irgendwie verkommt man ja auch ein bisschen dabei.“

Irgendwann ist mein Wodka Tonic leer, und ich breche auf. Als ich vor die Tür trete, ist der Asphalt fleckig und blau – es ist schon hell. Und ich war überhaupt nicht in Haidhausen, ich war gar nicht in der ganzen Stadt. Ich wollte alles, ich wollte jeden Aspekt der Münchner Nacht. Und auf einmal ist es morgens. Ob es einem am Ende des Lebens auch so geht? Ich wollte doch so viel und dann hat es nur für einige wenige Dinge gereicht, weil es plötzlich schon so spät war? Ich will wenigstens die Isar noch mal sehen. Es ist ja nicht nur die Nacht so kurz. Es ist ja auch so mit dem Sommer: Nie kriege ich ihn richtig zu fassen. Wann war ich schon richtig an der Isar in den vergangenen Wochen? Zwei, drei flüchtige Male ohne Baden. Und jetzt ist er bald vorbei, der Sommer.

Ich bleibe mitten auf der Reichenbachbrücke stehen. Unten baden zwei Jungs, nackt. Einige Meter weiter wälzt sich ein knutschendes Pärchen am Ufer. Sehr viel Müll und Scherben dazwischen. Ich fahre zum Ufer runter. Obdachlosenlager, unter den Decken bewegt sich mal ein Fuß, mal ein Arm, viele schlafen paarweise unter einer Decke.

Wieder auf der Brücke bleibe ich noch ein letztes Mal stehen. Gerade will ich weiterfahren, da sehe ich die beiden Jungs, die gerade noch badeten, wie sie, wieder angezogen, auf das mittlerweile eingeschlafene Knutschepärchen am Ufer zugehen. Die Taschen der beiden Schlafenden liegen gut zwei Meter von ihnen entfernt. Die Jungs schleichen sich hin und ich denke: Oh nein, bitte nicht. Sie greifen zwischen die Taschen, nehmen ein Feuerzeug, das dort liegt, zünden sich ihre Zigaretten an. Dann nehmen sie doch die Taschen, jeder eine, und: tragen sie zu dem schlafenden Pärchen.

Und während all das passiert, wird es immer heller. Ich fahre durch die Fraunhoferstraße, auf die Sonnenstraße und biege in die Schwanthalerstraße ab, dann in die Schillerstraße. Ein Typ auf einer schwarzen Ducati kommt mir entgegen. Er fixiert mich, nickt mir enthusiastisch zu. Ich ignoriere ihn und fahre vorbei. Er dreht um und fährt neben mir entlang. Dann höre ich, wie er meinen Namen ruft. Ich bleibe stehen. Er bleibt auch stehen und klappt das Visier hoch. „Hey, Mercedes, it’s me, it’s Nicolas from Déjà bu.“ Es ist halb sieben. „Wanna have breakfast with me?“, fragt er. „Nein“, sage ich. „Ich frühstücke erst, wenn ich geschlafen habe.“ „Ok! See you one day at Déjà bu!“ Dann klappt er sein Visier runter, dreht um und fährt davon.

Am Königsplatz sitzt noch immer der Sicherheitsmann auf den Stuhlreihen. Ich fahre, fahre, fahre weiter, schneller, in der Hoffnung, irgendwie noch Zeit aufzuholen, bevor die Nacht vorbei ist. Aber die Nacht ist längst vorbei. In der Theresienstraße, zwischen den Pinakotheken, machen die ersten alten Herren ihre Morgenspaziergänge. Einer nickt mir grüßend zu. Ein älteres Paar setzt sich auf eine Bank vor der Alten Pinakothek, er legt seinen Arm um sie und sie lässt ihren grauen Kopf auf seine Schulter sinken. In einem Fenster sitzen sich ein Mann und eine Frau gegenüber. Er raucht, ascht auf die Straße, langsam, sie trinkt aus einem Weinglas und guckt ihn mit halbgeöffneten Augen an, sie reden nicht. Einige Fenster weiter eine ältere Frau, sie lehnt auf dem Fensterbrett, sie ist allein.

Im Brotraum in der Herzogstraße duftet es nach frischem Brot. Eigentlich ist noch zu, aber die Türen stehen trotzdem offen. Im Ofen bäckt etwas, daneben wird Teig geknetet. Wärme schlägt mir entgegen, herrlich knusprige, hefewürzige Wärme. Ich kaufe Brot. Ich habe es nicht ganz passend, der Bäcker noch kein Wechselgeld. Es ist okay, er gibt mir das Brot auch so. Mit der warmen Tüte in der Hand fahre ich nach Hause. Vor meiner Haustür sind die Flohmarktkisten leergeklaubt. Nur ein Kleiderbügel liegt noch da. Sogar den Karton hat jemand mitgenommen. Der Tag hat begonnen. Als ich die Haustür aufschließe, beginnt es zu regnen.