Erstmal baden

Erschienen in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG

Doch, es gibt Menschen, die jeden Morgen ein heißes Bad nehmen. Leider begegnet man ihnen mittlerweile so selten wie Menschen, die noch mit Handkoffer verreisen oder bei Sonnenschein mit Sonnenschirm spazieren gehen. Standard unter den Morgenroutinen ist heute vielmehr eine Mischung aus preußischem Gehorsam und amerikanischem Selbstoptimierungswahn: Zack raus aus dem Bett, zack unter die kreislaufanregende Wechseldusche, zack an die Arbeit. Wer sich so richtig im Griff zu haben glaubt, geht vorher noch joggen und stürzt sich anschließend nackt und tapfer in ein Gewässer, je kälter, desto besser. Gut fürs Immunsystem, nicht wahr?

Dagegen morgens aus dem Bett wanken und sich erst mal eine heiße Wanne einlaufen lassen? Sich darin versenken und in aller Ruhe den Tag andampfen lassen? Das kommt einem heute in etwa so angebracht vor, wie das Tiramisu zur Vorspeise zu essen, den Aperitif zum Frühstück einzunehmen, Zigarre hinterher und dann tanzen zu gehen. Also wie ein Kindertraum oder das Leben von Menschen, die vielleicht Karl Lagerfeld heißen.

Ein fast schon militärisch ausgeführter Morgenmarathon löst gesellschaftlich keinerlei Verwunderung aus, findet allenfalls Anerkennung. Jemand, der morgens ein heißes Bad nimmt, erregt hingegen den mittelschweren Verdacht, ein Problem zu haben. Beziehungsweise, sehr bald eines zu bekommen. Morgens heiß baden ist schließlich das Gegenteil von Abhärtung und Straffheit. Und Abhärtung ist doch der Schlüssel zum Lebenserfolg!

Nur dieser hartnäckige Irrglaube kann der Grund dafür sein, dass man so selten Vorbader beziehungsweise Vorbilder findet, die älter als drei oder jünger als 65 Jahre sind und trotzdem morgens überzeugt in die Wanne steigen. Ein paar gibt es aber doch, und wenn sie einem nicht alle fünf Jahre mal überraschend im Bekanntenkreis begegnen, tun sie es halt im Internet.

Christina Hendricks zum Beispiel, die rothaarige Schauspielerin aus der Serie „Mad Men“ bekannte sich in einem Interview dazu. Ja, sie sei eine dieser seltenen Menschen, erzählte sie, denn morgens als erstes Wasser über ihren Kopf geschüttet zu bekommen, käme ihr ungemein aggressiv vor. Bei objektiver Betrachtung ein ziemlich gutes Argument, oder? Wenn sie um fünf Uhr am Set sein muss, erklärt Hendricks, stehe sie um halb fünf auf, lasse sich sechs Minuten lang die Wanne einlaufen, liege fünf Minuten darin und steige wieder heraus.

Ein weiterer Morgenbader ist der Modedesigner Tom Ford. Auch er lässt sich um halb fünf Uhr morgens ein heißes Bad ein, macht sich einen Espresso auf Eis, versenkt sich für eine halbe Stunde im heißen Wasser und schlürft in Ruhe seinen kalten Kaffee, während er irgendwo in dieser gediegenen Wechselwirkung zum Leben erwacht. Danach sei er ideal auf den Tag vorbereitet.

Ja, aber die Umwelt? Tatsächlich ist das tägliche Schaumbad nicht der nachhaltigste Start in den Tag, aber darum geht es bei diesem privaten, allmorgendlichen Seelentrost ja auch gar nicht. Allerdings brauchen sich Menschen, die morgens duschen, nicht automatisch auf der nachhaltigeren Seite zu wähnen.

Schenkt man einer Studie des königlich-britischen Chemiker-Vereins aus dem Jahr 2008 Vertrauen, halten sich die wenigsten Westeuropäer an die umweltverträgliche Empfehlung von zwei Minuten Duschzeit. Mehr als ein Drittel aller Deutschen duscht morgens bis zu zehn Minuten oder mehr und verbraucht dabei eine Wassermenge, die auch fürs Einlassen einer Durchschnittsbadewanne gereicht hätte. Es muss ja morgens kein Vollbad sein, nur eben eine warme Übergangslösung zwischen der horizontalen Bettwärme und der vertikalen Lebenshärte.

Grund für die morgendliche Wannenverzagtheit kann also nicht bei allen die Sorge um die Umwelt sein. Viele der morgens Duschenden legen sich ja abends bestimmt mit Aplomb und ohne schlechtes Gewissen in die Wanne. Es muss eher die Tageszeit sein, die das Ganze anrüchig macht. Morgens hat der Mensch gefälligst einen Leidensweg zu absolvieren, namentlich: Wecker, Duschstrahl, Nachrichten, Filterkaffee, gestärktes Hemd. Wer länger als bis neun Uhr morgens schläft, gilt ja auch immer noch als lebensuntüchtig und das, obwohl Schlafforscher längst bewiesen haben, dass zu frühes Aufstehen den Menschen krank und unproduktiv macht.

Das Tabu, das ein morgendliches Versenken in der Wanne darstellt, muss ein Symptom des fortschreitenden Trends zur Selbstgeißelung sein. Oder wie es die Soziologin Anna-Katharina Meßmer ausdrückt: „Das Allerschlimmste, was man in unserer Gesellschaft derzeit machen kann, ist, sich gehen zu lassen. Nicht zum Sport gehen, nicht meditieren, Alkoholexzesse, Rauchen, viel essen, Maßlosigkeit.“ Wer es sich heute in Zeiten einer beinahe Vollbeschäftigung noch allzu gemütlich macht, steht jedenfalls schnell im Verdacht, an pathologischer Vergnügungssucht oder Depressionen zu leiden, auf jeden Fall aber die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben.

Was für ein Irrtum! Und was für ein gutes Argument, sich morgens ab sofort der Lebenskunst des warmen Bades hinzugeben. Zumindest vielleicht an zwei besonders harten Tagen der Woche. Denn Menschen, die morgens warm baden, haben verstanden, dass man jedem Tag so begegnen muss, wie man dem ganzen Leben gern begegnen würde. Gemächlich, mit Gelassenheit, Sprezzatura, man nenne es, wie man wolle.

Wenn schon der ganze Stress mit dem Aufstehen, dann aber bitte behutsam. Einen Wasserfall zu betrachten, ist schön, aber sich freiwillig drunterstellen? Aua! Dann lieber ohne Zwang und Kälteschreck hineingleiten, in die Wanne und in den Tag. Und während das Wasser sanft plätschernd einläuft, ein bisschen aus dem Fenster sehen oder Kaffee zubereiten. Das ist doch viel näher an der Achtsamkeit, von der alle immer sprechen.

Die Morgenwanne genießen, während der Rest des Hauses unter der Dusche zappelt, zeugt nicht nur von der Resistenz gegen verblödete gesellschaftliche Standards. Sondern vor allem von der sehr weisen Fähigkeit, es sich von Anfang an richtig gutgehen zu lassen. Und das hat mit Sicherheit auch eine Wirkung aufs Immunsystem.